...in Nordvietnam - Meo Vac

Mèo Vạc - 199km - 7h Fahrtzeit

Unser nächstes Ziel war Mèo Vạc. Ganz nach dem Motto: „Der Weg ist das Ziel“ hatten wir heute keine bestimmte Sehenswürdigkeit auf dem Programm, sondern wir brauchten einfach einen Zwischenstopp, um am nächsten Tag nach Bắc Hà zu gelangen.

Und es sollte der emotionalste Tag für uns werden. Doch davon später mehr.

Der Weg führte uns durch malerische Landschaften - geprägt durch die Karstberge, die wie Kamelbuckel oder wie ein sich windender Drache aus dem Boden ragten. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass einer der Fotostopps, die wir machten „Dragon-Back Panorama“ hiess. Dieser lag in der Region Nguyen Binh, rund eine Autostunde von Cao Bang entfernt. Mythisch erschienen uns die Berge, wurden sie doch von einer leichten Wolkendecke eingehüllt. Und ab und an tauchte der „Drachen“ wieder auf oder verschwand an anderer Stelle wieder.

Weiter ging es nach Bảo Lạc. Da unsere Handys immer noch nicht richtig funktionierten, machten wir hier einen Stopp, um einen SIM Karten Anbieter aufzusuchen. Tam blieb mit dem Wagen zurück (welchen er einfach auf einer Brücke parkierte). Dũng, Michael und ich schlängelten uns durch Marktgassen, wo wir nach 500m einen entsprechenden Laden fanden. Der Markt gab uns unglaubliche Eindrücke in das Leben der Menschen hier. Überall wurde verkauft, gehandelt, gelacht, geredet, diskutiert und geschimpft. Die Frauen trugen die farbigen Kleider ihrer Stämme, verkauften Gemüse, Tofu, Räucherwerk. Wir konnten gar nicht alles aufnehmen, soviel war hier los. Dazu diese unglaublichen Gerüche nach Chili, Zimt und Sternanis.

Nachdem wir erfolgreich zwei SIM Karten für uns erstanden hatten, hiess es zurück zu Tam und unserem Auto, welches immer noch mitten auf der Brücke stand. Doch das schien niemanden zu stören. Geparkt wird, wo Platz ist.

Bei Lý Bôn verliessen wir die Hauptstrasse und nahmen eine Nebenstrasse. Tam und Dũng wollten abseits der Hauptstrasse die ärmeren Familien besuchen. Dafür hatten sie extra Süssigkeiten für die Kinder, Bier für die Männer und Kleidung für Frauen und Kinder mitgenommen.

Wir machten Halt bei einer der ärmsten Familien, die ich je gesehen habe. Und wie selbstverständlich lud man uns in ihr Haus ein, welches mehr aus Spalten in der Wand und Löchern in der Decke bestand,  als das es schützte. Und man darf nicht vergessen, im Winter kann hier sogar Schnee fallen. Die Hütte bestand aus Holzwänden. Der Fussboden war eine Buckelpiste aus gestampftem Lehm. Es gab einen kleinen Tisch, wo der Ehemann und Vater gerade sein Mahl einnahm, und ein Bett. Das Bett wiederum bestand auch nur aus Brettern und war so gross wie bei uns ein normales Doppelbett. Es diente als Schlafstätte für 5 Personen. Ein kleiner Dieselgenerator sorgte für eine kleine Lampe. Fliessend Wasser gab es keins.Die Familie hatte drei Kinder, wobei die älteste Tochter die Aufgabe hatte, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern. Sie war vielleicht 10 Jahre alt und trug das jüngste Mitglied der Familie, einen Jungen von vielleicht 2 Jahren, auf dem Arm. Sie wirkten alle zufrieden, auch wenn das Mahl nicht mal für den Vater ausreichte.

Dieser Moment in dieser Familie bewirkte etwas in uns.
Ich kann die Gefühle gar nicht richtig beschreiben. Uns ist aber Eines klar geworden: Wir im „Westen“ leben in einer Überfluss Gesellschaft und jammern immer noch, dass wir zu wenig haben. Da ein paar neue Schuhe, die wir unbedingt haben wollen. Hier ein Kurztrip nach Mallorca für drei Nächte. Dann wieder ein neues Handy - das Alte ist schliesslich schon zwei Jahre alt und kann entsorgt werden. Und so zieht sich die Litanei von Wünschen und Bedürfnissen dahin. Aber macht uns das glücklicher? Macht es uns zufriedener? Ist es nicht eher so, dass wenn man mehr besitzt, auch mehr Angst hat, es zu verlieren? Warum stehen bei uns nicht tagsüber die Türen offen, so dass Nachbarn eintreten können, um einen zu besuchen? Weil wir unsere Privatsphäre schützen wollen/müssen und Angst haben, es könnte uns Jemand etwas wegnehmen.

Uns hat berührt, wie wenig diese Menschen zum Leben brauchen (und sie sind nur ein Beispiel für die Mehrheit auf diesem Planeten). Und dennoch machen sie einen zufriedeneren Eindruck als die meisten von uns und jeder ist jederzeit willkommen. Man kann einfach eintreten. Bei uns im Westen einfach unvorstellbar.

Danach fuhren wir weiter nach Mèo Vạc. Wir machten noch einen Stopp, da ich etwas Zeit für mich alleine brauchte, um das alles zu verdauen. 

Auf dem Weg nach Mèo Vạc besuchten wir noch zwei weitere Familien, denen es aber deutlich besser ging. Sie hatten Lehm/Holzhäuser, hatten Kühe und verdienten sich Geld dazu durch das Weben von Stoffen. 

Als Dank für die Erlebnisse, und den daraus resultierenden Emotionen und Erkenntnissen, luden wir unsere beiden Begleiter am Abend zum Essen ein, was wieder eine Menge an Emotionen auf beiden Seiten hervorrief. Von da an war das Eis (wenn es je welches gab) endgültig gebrochen.

Unser Lieblingsrestaurant

In Mèo Vạc haben wir in einem lustigen Homestay mit Schlaftonnen übernachtet.
Und wie jeden Abend schliefen wir sehr zeitig und völlig erschöpft ein. So ein Tag voller Emotionen und Eindrücken kann ganz schon kräftezehrend sein